GESCHICHTE

Das Kloster in vorreformatorischer Zeit

Tatsächlich fällt die 1180 erfolgte Gründung des Klosters Lehnin in die Zeit des endgültigen Sieges der Christen über die Wenden. Der Eroberung der alten Wendenfeste Brennabor (Brandenburg) durch Markgraf Albrecht den Bären 1157 folgte die Christianisierung des Spree- und Havellandes, die Albrechts Sohn Otto I. nach dem Tod des Vaters weiter vorantrieb. So schön sich jedoch der Gründungsmythos des Klosters in jenem versteinerten Eichenstumpf materialisiert, der noch heute aus der zweiten Stufe der zum Hochaltar führenden Treppe in der Lehniner Klosterkirche ragt: die Aussage, dass der christliche Markgraf Otto einer Intuition an diesem Ort folgend das Kloster Lehnin gegründet haben soll, gehört ins Reich der Sagen.[1]
 
Nachdem Otto I. auf dem 1180 von Kaiser Barbarossa nach Gelnhausen einberufenen Reichstag die Einwilligung zur Klostergründung erhalten hatte, zogen 1183 zwölf Mönche und Laienbrüder des Zisterzienserklosters Sittichenbach bei Eisleben nach Lehnin. Historische Quellen, die über die Gründungsjahre des Klosters berichten, sind nicht erhalten. Die überlieferten Legenden jedoch beschreiben lebendig und nicht ohne Humor das Wirken des ersten Abtes des Lehniner Zisterzienserklosters, Sibold, und dessen Märtyrertod.[2]
Schnell wuchs das Kloster über seine ursprüngliche Bedeutung als Hauskloster und Grablege der Askanier hinaus.[3] In seiner Blütezeit im 13. Jahrhundert gingen drei Tochterklöster aus Lehnin hervor (Paradies bei Meseritz [Międzyrzecki] 1236, Chorin 1258/1273, Himmelpfort 1299). Im 14. Jahrhundert jedoch starb das Askaniergeschlecht aus. In Folge der unsicheren politischen Situation und der mangelnden landesherrlichen Zentralgewalt kam es zu einem moralischen und sittlichen Verfall im Kloster Lehnin und zu langwierigen blutigen Fehden mit dem benachbarten Adel. Große Teile des Klosterbesitzes wurden verwüstet und gebrandschatzt.[4] Erst dem Abt Heinrich Stich gelang an der Seite König Sigismunds zu Beginn des 15. Jahrhunderts die Sicherung des Landfriedens. Für seine Verdienste wurden Stich und seine Nachfolger mit dem Titel eines Kurfürstlichen Rats und der päpstlichen Erlaubnis belohnt, Bischofsinsignien zu tragen. Das Kloster profilierte sich als aktiver politischer Faktor in der Mark und Hort der Gelehrsamkeit mit einer Klosterschule und einer herausragenden Bibliothek von nahezu 1.000 Titeln.[5] 120 Mönche und mindestens 40 Laienbrüder beteten und arbeiteten Mitte des 15. Jahrhunderts in Lehnin.
 
Bis in die Spätzeit des Klosters blieb Lehnins Einfluss auch wirtschaftlich ungebrochen. Vom Ackerbau über das Brauen bis zur Zucht von Waldbienen, deren Wachs zur Kerzenherstellung und Honig für die Produktion von Met und Lebkuchen genutzt wurde: die Lehniner Zisterzienser betrieben ihr Handwerk mit Sorgfalt und brachten das Kloster zu Reichtum und Ansehen. Noch im Jahr seiner Auflösung 1542 besaß das Kloster 39 Dörfer (von vormals 64), 54 Seen, das Städtchen Werder, 14 Forsten, 19 Windmühlen, 6 Wassermühlen sowie zahlreiche Gärten, Weinberge und Wiesen, Marktrecht an zwei Orten und Stadthöfe in Berlin-Cölln, Brandenburg (Havel) und Loburg.[6]

Das Kloster von der Reformation bis heute

Hatte Kurfürst Joachim I. sich der Zisterzienser in Lehnin noch als Stütze gegen die vordringende Reformation bedient, so besiegelte sein Sohn Joachim II. mit seinem Übertritt zum Protestantismus 1539 das Ende der 360-jährigen Wirkungsgeschichte des Konvents. Nach dem Tod des letzten Abtes Valentin wurde das Kloster 1542 aufgehoben. Nach seiner Säkularisation wurde Lehnin in ein kurfürstliches Domänenamt, d.h. einen landesherrlichen Gutshof, umgewidmet. Im Dreißigjährigen Krieg von Söldnertruppen verwüstet und in Brand gesteckt, verhinderte Kurfürst Friedrich Wilhelm I. den weiteren Verfall der Abtei, indem er Teile des ehemaligen Klosters in ein Jagdschloss umbauen ließ. Nach dem Zuzug von schweizerischen und hugenottischen Bauern nach Lehnin Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Klosterkirche durch eine Aufmauerung in zwei Kirchenräume für Lutheraner und Reformierte getrennt und als Pfarrkirche genutzt. Die Klausurgebäude dagegen mussten regelrecht als Steinbruch für Bauprojekte in der Umgebung herhalten. Bei solchen Abbrucharbeiten will 1693 auch die sogenannte „Lehninische Weissagung“ entdeckt worden sein.[7]
 
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts scheinbar hoffnungslos dem Verfall preisgegeben wurde die Kirche zwischen 1870-76 vollständig rekonstruiert und 1877 neu geweiht. In der Pfarrkirche finden bis heute neben Gottesdiensten auch Konzerte und Kulturveranstaltungen statt. Die erhaltenen umstehenden Gebäude, im 19. Jahrhundert in Privatbesitz übergegangen, wurden 1911 von der Evangelischen Kirche gekauft, die in den Räumlichkeiten des ehemaligen Klosters in den Folgejahren das Diakonissenmutterhaus Luise-Henrietten-Stift einrichtete. Das Stift ist im Jahr 2004 in der Stiftung Evangelisches Diakonissenhaus Berlin Teltow Lehnin aufgegangen, die in Berlin und Brandenburg im Gesundheitswesen, in der Bildung sowie in der Alten- und Behindertenhilfe tätig ist. Heute zeichnet sich Lehnin „durch die besondere Verbindung von sozialdiakonischer Arbeit und christlichem Gemeinschaftsleben mit dem klösterlichen Erbe der Zisterzienser aus“.[8] In der Peripherie des Klosters wurden Neubauten für eine Rehabilitationsklinik und ein Altenhilfezentrum errichtet. In den Gebäuden der Klosteranlage sind heute eine Kindertagesstätte, das Luise-Henrietten-Hospiz und das Zentrum Kloster Lehnin mit Möglichkeiten zur Gästebeherbergung und mit verschiedenen Tagungsräumen untergebracht. Im restaurierten ehemaligen Amtshaus befindet sich seit 2005 das „Museum im Zisterzienserkloster Lehnin“.
Quellen (bitte klicken)

Fußnoten:

  1. Grabungen ergaben, dass es sich um einen Eichenstamm von ca. 60 cm Länge ohne Wurzel handelt, der angesichts seiner Verkieselung aus der Gründerzeit um 1180 stammen könnte. Vielleicht ist er Hinweis auf ein slawisches Naturheiligtum, an dessen Stelle das Kloster gesetzt wurde (vgl. WARNATSCH, Stefan: Lehnin. Zisterzienser. In: HEIMANN, Heinz-Dieter/NEITMANN, Klaus/SCHICH, Winfried (Hrsg.): Brandenburgisches Klosterbuch. Handbuch der Klöster, Stifte und Kommenden bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. Bd. 2, Berlin 2007, S. 764-803). Realhistorisch scheint hinsichtlich der Namensgebung des Klosters die Annahme plausibel, dass der Name, dessen ursprüngliche Bezeichnung „Marienkloster in Lehnin“ (conventus s[an]c[t]e marie virginis in Lenyn) im Laufe der Geschichte zu „Kloster Lehnin“ verkürzt wurde, sich von der Stelle ableitet, auf welchem das Kloster errichtet wurde. Wegen seines Dammwild-Reichtums bekannt, hieß jener Ort bei den Wenden jelenin, Hirschberg. Ein Hügel südlich von Lehnin heißt noch heute Hirse-[=Hirsch-]berg; vgl. SELLO, Georg: Lehnin. Beiträge zur Geschichte von Kloster und Amt, Berlin 1881, S. 15.
  2. Sibolds Märtyrer-Tod um 1190 steht außer Frage. Zweifelhaft dagegen sind die überlieferten Umstände. Die Sage erzählt, dass Abt Sibold eines Nachmittags in Begleitung eines Ordensbruders von Mission zurück- und in dem 3 km nordwestlich von Lehnin gelegenen Dorf Nahmitz einkehrte. Die Frauen flohen erschrocken. Sibold betrat eine Fischerhütte und ließ sich erschöpft auf einem umgestürzten Backtrog nieder, unter dem – Sibold ahnte es nicht – die Herrin des Hauses Schutz gesucht hatte. Schreiend rannten die Kinder aufs Feld: „Vadder, de Abt sit up de Mudder!“ Die Männer legten diese Nachricht zum Schlimmsten aus. Zornentbrannt eilten sie mit Äxten und Heugabeln bewaffnet ins Dorf, um die verhassten Mönche zu vertreiben, welche Hals über Kopf die Flucht in den Wald ergriffen. Nun war Sibold aber ein wohlbeleibter Herr. Lehnin bei der Flucht zu erreichen, war aussichtslos. Deshalb erklomm er eine starke belaubte Eiche. Diese hätte ihn vor den Verfolgern verborgen, wenn Sibold nicht beim Erklettern die sonst sorgsam gehüteten Schlüssel zu Kirche und Weinkeller verloren hätte, die ihn, im Geäst hängend, verrieten. Der Baum wurde vom wütenden Volk abgesägt und der Abt erschlagen. Über den Tod Sibolds untröstlich wollten die Mönche das Kloster verlassen, als ihnen die Heilige Jungfrau mit dem Christuskind erschien und rief „Redeatis! Nihil deerit vobis!“ (Kehret zurück, es soll euch an nichts mangeln!) Die Mönche vertrauten ihrer Schutzherrin und wurden belohnt. Fontane berichtet ausführlich von dieser Überlieferung und dem weiteren Verbleib des Eichenstammes und der Fischerhütte; vgl. FONTANE: Havelland, S. 48-51; NYGA: Lehnin, S. 9; ROSSTOCK: Kloster Lehnin, S. 14-17. Gegen den Leibesumfang des Abtes und die Üppigkeit des Klosterlebens sprechen die strengen Ordensregeln jener Zeit: zwei Mahlzeiten, vormittags und mittags unter Zugabe von Schwarzbrot; Fleisch und Fett nur als Stärkungsmittel für Kranke; Fische, Eier, Milch und Käse nur aus besonderem Anlass. Den Hauptbestandteil der Mahlzeiten bildeten gekochtes Gemüse, darunter Buchenblätter; vgl. ROSSTOCK: Kloster Lehnin, S. 19.
  3.  Neben Markgraf Otto VI. von Brandenburg, dessen Grabplatte als einzig erhaltene des Herrschergeschlechts bis heute in Lehnin besichtigt werden kann, sind mindestens 13 weitere Mitglieder des askanischen Herrscherhauses in Lehnin bestattet worden. Unter den Hohenzollern wurde Lehnin Bestattungsort dreier Brandenburgischer Kurfürsten; vgl. WARNATSCH: Lehnin. In: HEIMANN/NEITMANN/SCHICH [Hrsg.]: Brandenburgisches Klosterbuch, Bd. 2, S. 781.
  4. In einer Klage an Papst Benedikt XII. bezeichnete der Lehniner Mönch Dietrich von Ruppin einige seiner Mitbrüder als gewaltbereit und skrupellos und und nannte sie eine „verderbte[...] Räuberbande“ (zit. nach: WARNATSCH: Lehnin. In: HEIMANN/NEITMANN/SCHICH (Hrsg.): Brandenburgisches Klosterbuch, Bd. 2, S. 765). Vgl. ebd. S. 765f.
  5. Warnatsch weist korrekt darauf hin, dass eine solche Anzahl um 1450, vor der Verbreitung des Buchdrucks, einen außerordentlichen Bestand darstellte (vgl. WARNATSCH: Lehnin. In: HEIMANN/NEITMANN/SCHICH (Hrsg.): Brandenburgisches Klosterbuch, Bd. 2, S. 766f.).
  6.  Ausführlich zu Besitz und Wirtschaftsordnung des Klosters vgl. WARNATSCH: Lehnin. In: HEIMANN/NEITMANN/SCHICH (Hrsg.): Brandenburgisches Klosterbuch, Bd. 2, S. 772-779; NYGA: Lehnin, S. 10.
  7.  Diese populäre Fälschung gab sich als Prophezeiung des Mönchs Hermann von Lehnin aus, der die 100 leoninischen Verse, in welchen der Untergang des Hauses Hohenzollern, Wiedereinsetzung des katholischen Hauses Habsburg und damit die Zurückgewinnung des Klosters für die katholische Kirche geweissagt wurde, 1234 geschrieben haben wollte. Ausführlich zur Lehninischen Weissagung nebst einer Übersetzung des Textes vgl. NYGA: Lehnin, S. 13-15. Vgl. WARNATSCH: Lehnin. In: HEIMANN/NEITMANN/SCHICH (Hrsg.): Brandenburgisches Klosterbuch, Bd. 2, S. 768. Historisch unreflektiert aber lesenswert: BÜRGER, Gustav: Die Weissagung des sel. Bruders Hermann von Lehnin um das Jahr 1300 und Markgraf Otto VI. von Brandenburg. Gestorben 1303 als Cistercienserbruder im Kloster Lehnin. Regensburg 1922.
  8.  http://www.diakonissenhaus.de/menu/zentrum-kloster-lehnin/wo-himmel-und-erde-sich-begegnen/ [letzter Zugriff: 12.06.2014]. Vgl. WARNATSCH: Lehnin. In: HEIMANN/NEITMANN/SCHICH (Hrsg.): Brandenburgisches Klosterbuch, Bd. 2, S. 768.

Quellen:

  • BÜRGER, Gustav: Die Weissagung des sel. Bruders Hermann von Lehnin um das Jahr 1300 und Markgraf Otto VI. von Brandenburg. Gestorben 1303 als Cistercienserbruder im Kloster Lehnin. Regensburg 1922.
  • FONTANE, Theodor: Havelland. Wanderungen durch die Mark Brandenburg III. In: ders.: Sämtliche Werke. Bd. 1-25. München 1959-1975. Bd. 11.
  • GOLDMANN, Axel: Beiträge zur Geschichte von Kloster und Ort Lehnin (1180-1980). Lehnin 1979.
  • NYGA, Werner: Lehnin. Ein historischer Ort in der Mark Brandenburg. Lübeck 1995.
  • ROSSTOCK, Albert: Kloster Lehnin in Geschichte und Sage. Görlitz 1911.
  • SELLO, Georg: Lehnin. Beiträge zur Geschichte von Kloster und Amt, Berlin 1881.
  • WARNATSCH, Stefan: Lehnin. Zisterzienser. In: HEIMANN, Heinz-Dieter/NEITMANN, Klaus/SCHICH, Winfried (Hrsg.): Brandenburgisches Klosterbuch. Handbuch der Klöster, Stifte und Kommenden bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. Bd. 2, Berlin 2007, S. 764-803.
  • Ders.: Geschichte des Klosters Lehnin 1180-1542. 2 Bde. Berlin 2000.
  • http://www.diakonissenhaus.de/menu/zentrum-kloster-lehnin